23. Januar 2022

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Fabrizio Daniele ist Schauspieler, Autor und Regisseur. Seine Wirkungsstätte: Los Angeles, Kalifornien. Aufgewachsen in Domat/Ems, zog es ihn 2018 aus dem Büro eines Versicherungsunternehmens über den Atlantik hin zu einer Berufung, in welcher der 31-Jährige, statistisch gesehen, zum Scheitern verurteilt ist. Seine bisher grösste Herausforderung aber findet er nun ausgerechnet in der Heimat.

In Graubünden kennt man den jungen Emser als Gesicht mehrerer Werbekampagnen der Biermarke Calanda. In Los Angeles hingegen wurde Fabrizio Daniele kürzlich mit einer renommierten Auszeichnung für sein Regie-Debut geehrt. Obwohl er eigentlich als Schauspieler ins Epizentrum der Filmindustrie gekommen war. Dieser «Umweg», wie er es nennt, ist nicht nur durch die Corona-Pandemie bedingt, wie der Schauspieler in einem Exklusiv-Interview mit hzwe.io erklärt.

«Diese Geschichte von Enough hatte mich schon eine ganze Weile beschäftigt. Und ich bin ja als Schauspieler auch nicht den ganzen Tag über voll ausgelastet. Vor allem jetzt noch nicht. Vieles, ja beinahe alles, was ich tue, ist aber für das höhere Ziel bestimmt. Für die Zukunft. Wenn ich also kein Engagement habe und keinen Text lernen muss, befasse ich mich mit anderen sinnvollen Dingen. Dingen, die mich näher zum Ziel bringen.»

Als Schauspieler berühmt zu werden?

«Von der Schauspielerei oder allgemein einer darstellenden Kunst leben zu können. Ich hatte aber schon früher gemerkt, dass ich auch gerne schreibe. F*** it, dachte ich mir damals. Ich muss mich nicht entscheiden. Ich kann sein und machen, was ich will.»


Zum ersten Mal in Europa

Hier gibt es den preisgekrönten Film «Enough» von Fabrizio Daniele als exklusive Europa-Premiere zu sehen:

 

Eindrücklich: Impressionen von der Award-Verleihung vom 11. November 2020 in Los Angeles (USA)


Seine Neugier war es auch, die den jungen Fabrizio dazu brachte, aus dem «Safe Life in Switzerland», wie er es nennt, auszubrechen. Neugier und Angst.

«Ich bin das totale Klischee», lacht er. «KV-Lehre, dann Versicherungsbranche. Guter Lohn, Safe. Das ist ok. Aber wohin es gehen sollte, das wusste ich nicht. Dann bekam ich Angst davor, in diesem Strom mitzutreiben, ohne gelebt zu haben. Diese Angst brachte mich dazu, die Schauspielerei auszuprobieren.»

Amerika hatte ihn schon immer gereizt. Das «Land der unbegrenzten Möglichkeiten» sei es tatsächlich, wenn man es für sich dazu mache. Der wohlstandsverwöhnte Europäer musste in den USA seine Standards aber drastisch senken, um zu überleben.

«Mir geht es total gut. Ich kann mir alles leisten, ich habe ein Dach über dem Kopf.

Ich habe noch nie für so wenig Geld gearbeitet wie in Los Angeles. Aber es geht um den Prozess. Den Weg.

Ich meine: Wer kann sich so ein Leben derzeit überhaupt erlauben? Aufstehen, mal sehen, welche Art Arbeit ich machen will, und mich dabei aber ständig auf das letztendliche Ziel vorbereiten. Selbst Sport und Erholung gehören dann zur Karriereplanung.»

Arbeite hart und alles ist möglich – Amerika und seine Möglichkeiten, die Freiheit, sich selbst sein zu dürfen (oder so zu tun als ob) und sein trügerisches Versprechen von Ruhm und Glamour haben das Bündner Schauspiel- und Regietalent bereits unlösbar umgarnt. Es treibt ihn an. Das Geld, natürlich, das dürfe man schon auch zugeben. Schliesslich sei es Arbeit und Arbeit müsse bezahlt sein. Fair enough, um es in seinem Mix aus Deutsch und Englisch auszudrücken.

«So schwierig die Frage nach dem Warum auch ist, ist sie doch extrem gut gewählt. Weil, in Amerika ist das die zentrale Frage. Nur jene, die das wirklich wissen, die wirklich ihr Why haben, die haben überhaupt erst eine Chance es zu schaffen.»

Und was ist dein Why?

«Du wirst lachen, aber tief in mir drinnen glaube ich, dass ich mit dem, was ich tue, die Welt verändern kann. Oder besser machen. Oder ich versuche es zumindest. Ich sehe unsere Aufgabe darin, für die Gesellschaft ein Spiegel zu sein. Mit meiner Arbeit habe ich die Chance, Menschen für eine kurze Zeit aus der Realität zu entführen. Ihnen etwas mit auf den Weg zu geben, ihr Leben positiv zu beeinflussen.»

Momentan aber beeinflusst das Leben seiner zukünftigen Zuschauer eher ihn. Von September bis Ende Oktober wird Fabrizio Daniele erstmals bei einer professionellen Bühnenproduktion in seiner Heimat mitspielen. Wohl kenne er «Das (perfekte) Desaster Dinner» bereits aus Los Angeles, wo er es vor kurzem erfolgreich gespielt habe, aber das sei mit der anstehenden Produktion nicht zu vergleichen.

«In Amerika lernst du schnell; dreissig Prozent der Menschen mögen dich einfach nicht in deiner Rolle. Aber du tust es auch nicht für die anderen siebzig Prozent. Nicht nur. Du tust es für dich. Um dich zu entwickeln, deine Rolle zu leben und die Illusion der Geschichte zu erschaffen. Und dann mögen sie dich vielleicht», meint er lachend. «Aber im Ernst: Das Schlimmste ist, dass mich die Menschen hier privat kennen. Und das macht mich nervös. Schlimmer noch, man kennt ja auch meine Familie, meine Mama. Wenn ihr jemand im Supermarkt sagen würde, wie schrecklich sie mich fanden, davor fürchte ich mich schon. Andererseits wäre das Gegenteil natürlich auch möglich und schön.»

Die Mentalität hier sei eben anders. «Drüben lassen sie dich träumen.» Nicht, dass er hier wegen seiner Entscheidung, nach Los Angeles zu gehen, ausgelacht worden wäre. Einen Satz aber bekam er immer wieder zu hören und der stört ihn noch heute.

«Wenn’s dann nicht klappt, kannst du ja immer noch zurückkommen, haben sie gesagt. Aber ich habe mich nicht für einen ganz neuen Weg entschieden, nur um dann zurückzukommen. There is no Plan B. Es geht nicht, wenn du dich nicht dafür hingibst.

Schon Arnold Schwarzenegger hat gesagt: You cannot climb the ladder of success with your hands in your pockets.

Er hat absolut recht. Ich habe es also selbst in der Hand, ob sich mein Traum erfüllt oder nicht. Wobei es dieses ‹oder nicht› eigentlich nicht geben dürfte.»

Du zweifelst also schon auch an dir?

«Selbstverständlich. Jeden zweiten Tag kommen Bedenken, Zweifel, wenn man so will. Aber das ist auch ein Ansporn. Ein Reminder dranzubleiben. Und das tue ich. Jeden Tag. One day at a time, wie bei den Anonymen Alkoholikern. Das mag sich seltsam anhören, aber ich glaube, das Konzept funktioniert. Ich meine, 98 Prozent von denen, die gerne möchten, stehen irgendwo in einer Kellner-Schürze herum. Von den anderen zwei Prozent könnte es sein, dass einer berühmt wird und ein geregeltes Einkommen durch die Schauspielerei hat. Da musst du einfach dranbleiben.»

Tatsächlich ist Fabrizio Daniele nicht zufällig in der Schweiz. Noch besitzt er keine Green Card und so verfällt sein Arbeitsvisum. Er nutzt diese Zeit in der Heimat als «Urlaub», wobei er davon eine andere Definition hat als unsereins. Für und mit Schülerinnen und Schülern der KV-Schule Chur drehte er kürzlich einen Film zum Lehrabschluss, welcher coronabedingt nicht wie gewohnt zelebriert werden konnte. Nebenbei engagiert er sich für Jugendliche in einem Sportcamp und hält dabei immer ein Auge für «interessante Projekte» offen.

«Es ist toll, mit der Theater Produktion Chur zusammenzuarbeiten. Thomas Cadusch und ich haben auch schon darüber gesprochen, ob und wie wir in Zukunft zusammenarbeiten wollen. Ich würde mich total freuen, jedes Jahr für eine gewissen Zeit in der Schweiz zu arbeiten.»

Erstmal konzentriert sich der Heimkehrer aber auf die kommende Produktion. «Focus» wie er es nennt. Bis Ende September muss der Text sitzen. In einem Stück, das er wohl kennt, aber in einer anderen Rolle gespielt hat. Und nun teilt er sich die Bühne mit Laiendarstellern, vor Publikum, das er nicht richtig einzuschätzen vermag. Mit den Begeisterungsstürmen amerikanischer Produzenten und Kritiker als Rückendeckung darf man von ihm wohl aber eine solide Leistung erwarten. Hals- und Beinbruch, Fabrizio.

Alex Tobisch
Preisgekrönter Journalist, denkt in Bildern, sieht Musik.
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