7. Oktober 2022

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Er hat Philosophie und Physik studiert, ist ein gefragter Redner und denkt viel über das Älterwerden und den Sinn des Lebens nach: Ludwig Hasler. Die Augen des 76-Jährigen funkeln schelmisch, wenn er spricht. Was er sagt, regt zum Nachdenken an.

Ludwig Hasler, im Moment kommt man um Corona nicht herum. Daher thematisieren wir das Virus gleich zu Beginn: Sie gehören zur Risikogruppe der älteren Menschen. Wie geht es Ihnen in dieser doch sehr besonderen Zeit?

Mir geht es ganz ordentlich, danke. Klar hatte ich anfänglich Mühe, denn in meinem Hauptberuf bin ich Vortragsreisender und da wurde ich quasi von einem Tag auf den anderen arbeitslos. Rund 60 Auftritte wurden abgesagt. Zum Glück habe ich noch das Schreiben, dem ich mich in den letzten Monaten vermehrt gewidmet habe. Eine solche Pandemie ist eine gute Prüfanstalt. Wenn die äusseren Freiheiten massiv eingeschränkt sind, merkt man erst, wer man wirklich ist und was man wirklich kann.

Und was haben Sie bei sich festgestellt?

Ich musste mich zuerst daran gewöhnen, dass ich keine Auftritte mehr habe. Meine Vorträge vermisse ich sehr, sie sind eine Art Lebenselixier geworden. Ich pflege so meine Kontakte und treffe neue Leute. Beim Schreiben hingegen bin ich allein.

Ihre wichtigste Aufgabe ist plötzlich weggefallen. Das geht vielen älteren Menschen so. Sie fühlen sich unnütz und denken, sie werden nicht mehr gebraucht. Womit könnte man sich denn im Alter beschäftigen?

Eigentlich ist es egal, womit man sich beschäftigt. Wichtig ist, dass man etwas hingebungsvoll, also leidenschaftlich macht. Im Alter hat man grundsätzlich schlechte Karten. Die Zukunft schrumpft und man merkt, dass man letztlich nicht zu retten ist. Ich bin jetzt 76 Jahre alt, es ist somit absehbar, dass ich sterbe. Wenn ich mich für das Grösste und Wichtigste halte, dann endet das traurig. Das einzige Gegenmittel ist, dass ich etwas anderes mindestens so wichtig finde wie mich selbst. Ich muss mich an etwas verlieren. Ich persönlich verliere mich zum Beispiel an die klassische Musik. Wenn ich eine Symphonie von Gustav Mahler höre, bin ich erfüllt von dieser Musik und fokussiere nicht mehr auf mein bescheidenes Ich. Genau das macht das Alter so reich. Und es muss nicht die Musik sein, es können die Rosen sein oder die Malerei oder was auch immer. Wichtig ist das Interesse an etwas, das über mich hinaus lebt, das auch dann noch lebt, wenn ich nicht mehr da bin.

Trotzdem gibt es viele ältere Menschen, die verkümmern, weil sie das eben gerade nicht können. Was raten Sie solchen Menschen?

Es sind die eingespielten Vorstellungen, die vielen zum Verhängnis werden. Viele Ältere sind nicht bereit einzusehen, dass das Alter heute ganz anders ist als früher. Heute dauert die dritte Lebensphase viel länger. Wir sind bald gleich lang pensioniert, wie wir im Erwerbsleben stehen. Deshalb können wir nicht sagen, wir machen es gleich wie unsere Vorfahren. Ausruhen, zurückschauen und sich aufs Jenseits vorbereiten, ist nicht mehr angesagt. Den «Lebensabend» geniessen, das ist vorbei. Heute haben wir im Alter noch den ganzen Lebensnachmittag vor uns. Das ist sehr schön, aber wir können diese Zeit nicht einfach mit Nichtstun überbrücken. Wir brauchen eine Aufgabe, sonst kommen wir uns überflüssig vor.

Das ist auch das Thema Ihres neusten Buches.

Genau! Dieses Mitwirken in der Gesellschaft ist für mich etwas Zentrales. Wir müssen aufhören, immer alles extern zu vergeben. Dadurch sitzen die Alten zu Hause herum und vereinsamen. Eigentlich haben wir von allem genug: Wir haben Alte, die noch kräftig sind, die lustig sind, die kochen können. Wir haben Alte, die noch Auto fahren und Kranke zum Arzt bringen können, die Computer reparieren können und so weiter. Alle, die mitwirken, merken am Abend, dass sie viel zufriedener sind als damals, als sie von der Kreuzfahrt zurückgekommen sind. Und warum? Weil sie gebraucht werden. Der Sinn des Lebens liegt nicht in den Sternen oder im Dunkeln der Seele, sondern vor der Haustür: rausgehen, anpacken, mitmachen. Und plötzlich wird man zufriedener, weil man nicht einsam ist. Man kann übrigens auch zu zweit prima vereinsamen.

Sie fordern gewissermassen dazu auf, über die Pensionierung hinaus zu arbeiten. Das kommt bestimmt nicht überall gut an. Wie reagieren Sie auf solche Kritik?

Ich sage nicht, dass man einfach die Altersgrenze anheben soll. Das ist nicht die Lösung. Schlauer wäre, wenn wir so ab 55 unsere Tätigkeit altersgemäss verändern und dafür bis 75 weitermachen könnten. Wir sollten uns fragen: Was können die Älteren nicht mehr, was die Jungen gut können – und umgekehrt. Die Jungen haben beispielsweise das aktuellere Wissen, sind flexibler und leistungsfähiger, dafür haben die Älteren die Erfahrung. Eigentlich sollte man den Jüngeren den höheren Lohn bezahlen, sie haben Familie, und den Älteren den tieferen.

Glauben Sie wirklich, dass das funktioniert? Da ziehen doch nicht alle mit!

Klar ziehen nicht alle mit. Es gibt auch Gegner von dem, was ich sage. Aber man darf nicht immer nur das sagen, was alle hören wollen. So kommen wir nicht weiter. Ich habe übrigens nichts dagegen, wenn jemand das Alter einfach nur geniesst. Ich glaube einfach nicht daran, denn man kann nicht dreissig Jahre lang geniessen, das geht nicht. Philosophisch gesehen, gefällt mir ein Zitat von Arthur Schopenhauer. Er hat gesagt: «Es gibt kein Glück ausser im Gebrauch seiner Kräfte». Glück bedeutet demnach nicht, viel zu besitzen. Glücklich werden wir, wenn wir unsere Kräfte einsetzen können – und zwar nicht nur für uns, sondern wenn wir mit unseren Kräften etwas bewirken können.

Sie sind selber Philosoph, haben aber auch Physik studiert. Wie gehen diese beiden Disziplinen zusammen?

Physik und Philosophie ist eigentlich das Gleiche. Es sind genau die beiden Disziplinen, bei denen man denken muss. In der Physik kommen Sie mit Lernen nicht weiter und die Grenzen zwischen Physik und Philosophie sind fliessend. Ich habe mich mit Teilchenphysik und mit kosmologischer Physik beschäftigt, also mit dem Kleinsten und dem Grössten. Wenn ich nun Angst habe vor dem Sterben, dann mache ich mir bewusst, woher ich eigentlich komme und besinne mich auf den Urknall vor annähernd 14 Milliarden Jahren. Der Mensch besteht zum grössten Teil aus Wasserstoff. Diese Moleküle sind rund 12 Milliarden Jahre alt und stammen aus den Brutöfen der ersten Sterne. Ich bestehe also im Wesentlichen aus Sternenstaub. Was heisst in diesem Kontext schon «Sterben»? Klammern wir uns doch nicht an uns selber fest, sagen wir doch lieber «Hallo Stern!». Ich finde es sehr spannend, genau über solche Unermesslichkeit nachzudenken, und plötzlich relativiert sich das eigene Ich und die Angst vor dem Tod.

Sollten wir uns im Alter einfach weniger wichtig nehmen?

Auf jeden Fall! Und ganz wichtig ist auch der Humor. Ich weiss ja nicht, wie viele Jahre ich noch habe, aber es ist auf jeden Fall eine Art Galgenfrist. Und einer Galgenfrist kann man nur mit Galgenhumor begegnen. Indem ich mich der Welt öffne, werde ich reich.

Stichwort «Sehen und gesehen werden»: Das, was Sie sagen, kann man alles (ein)sehen. Was aber kann man machen, damit man selber gesehen wird?

Meiner Meinung nach muss man hier unterscheiden zwischen Alten und Betagten. Die wirklich Alten sieht man gar nicht mehr. Die sind aus der Öffentlichkeit verbannt. Wir haben aber immer mehr Betagte, zu denen auch ich mich zähle, die noch mobil sind und mit den Jüngeren mithalten können, die eigentlich noch gar nicht alt sind. Aktive Seniorinnen und Senioren. Aber aktiv bedeutet vielfach nur «aktiv mit sich selber». Ich frage dann jeweils: «Hat sonst noch jemand etwas davon?». Wir Aktiven wollen gesehen werden, aber man soll uns das Alter auch ansehen. Ich mag es nicht, wenn mir Leute sagen: «Was, Sie sind schon 76 Jahre alt? Das sieht man Ihnen überhaupt nicht an!». Ich antworte dann jeweils: «Ich habe mir immer so viel Mühe gegeben zu leben, und jetzt sieht man das gar nicht!» Warum wollen wir immer so fit und schlank aussehen wie die Jungen? Eigentlich sollten wir doch so aussehen, wie wir sind, nämlich wie Menschen, die gelebt haben. Das nachhaltigste Kompliment, das ich je bekommen habe, haben junge Menschen, 25 oder so, gesagt. An meiner letzten Buchvernissage meinten sie zu mir: «Wissen Sie was, Herr Hasler, als wir Sie gesehen haben, haben wir gedacht: So könnte man alt werden.»

Demnach sind Sie ein gutes Beispiel fürs Älterwerden?

Wir haben einfach zu wenige Beispiele von alten Menschen, die wirklich gelebt haben und bei denen man das Leben auch sieht. Uns Alten sollte man das Leben ansehen und man müsste etwas sehen, was die Jungen nicht haben, nämlich Erfahrung. Man sollte sehen, dass wir mehr ausprobiert haben, dass wir mehr auf die Nase gefallen sind, dass wir mehr versucht haben. Erfahrung ist mehr als Wissen, Erfahrung ist realitätsgesättigtes Wissen. Eine ältere Ärztin liest vielleicht nicht mehr alle aktuellen Studien und hat nicht mehr das neuste Wissen. Sie hat dafür aber ihre Erfahrung, denn sie hat schon Hunderte von Patienten mit ähnlichen Symptomen gesehen. Diese Erfahrung kann man an keiner Hochschule lernen.

Was wünschen Sie sich in diesem Zusammenhang?

Ich wünsche mir, dass sich viel mehr ältere Menschen dieser Stärke bewusst sind. Frisches Wissen, Flexibilität, physische Kräfte – vergessen Sie das, da sind die Jungen einfach besser. Aber mit der gelebten Erfahrung, da können wir punkten, davon können die Jungen profitieren.

Vielleicht müssten die Jungen auch mehr danach fragen?

Was es braucht, ist Gegenseitigkeit. Die Alten meinen oft: «Jetzt haben wir hart gearbeitet und die Jungen sind nicht dankbar.» Ja, wir haben sicher hart gearbeitet und uns Wohlstand erarbeitet. Aber jetzt müssen wir das Ruder abgeben und die Jungen sollen übernehmen. Weil wir aber noch rund dreissig Jahre Zeit haben, sollten wir weiterhin am Leben teilnehmen und uns für die Welt und für die Jungen interessieren. Dann hätten die Jungen auch wieder mehr Interesse an den Alten.

Sie selber sind jetzt 76 Jahre alt, haben also unter Umständen noch zehn bis zwanzig Jahre vor sich. Wie wirken Sie persönlich an der Zukunft mit?

Im Moment ist meine Mitwirkung rein intellektueller Art, indem ich möglichst viele Menschen zum Denken anrege. Ich schreibe niemandem vor, was er oder sie machen soll. Meine Stärke liegt viel eher darin, dass ich in der Öffentlichkeit denken kann, sodass diejenigen, die mir zuhören, selber auch anfangen zu denken. Mein grösstes und dringendstes Anliegen ist, dass wir nicht mehr Opfer sind, sondern wieder zu denkenden Subjekten dieser Welt werden.

Weiterführender LinkWebseite von Ludwig Hasler
Thomas Hobi
Interessiert sich für Menschen, stellt gerne Fragen, hört aufmerksam zu.
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