7. Juli 2022

«Der Tod darf sein»

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«Der Tod darf sein»

Prof. Dr. Dr. Christof Arn ist Ethiker von Beruf,...

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Prof. Dr. Dr. Christof Arn ist Ethiker von Beruf, aber vor allem als Mensch. Seine Titel zeugen von tiefem Verständnis für etwas, das für andere kaum greifbar ist. Der 53-Jährige bringt Ethik, für die meisten von uns abstrakt und theoretisch, ganz konkret in der Praxis zum Einsatz. Und hat dank der Auseinandersetzung mit ihr mit seinem möglichen Ableben bereits Frieden geschlossen.

Christof Arn, Sie sind Ethiker. Was machen Sie genau?

Der Ethiker ist ein Unterstützer, wenn es um Entscheidungen geht, in denen Werte eine Rolle spielen. Alle meine Werte und Normen zusammen ergeben die oder besser meine Moral. Daran orientiere ich mich als Mensch, daran halte ich mich fest. Ethik ist also die Reflexion von Moral. Natürlich habe nicht nur ich Werte und Normen – es gibt sie auch in der Gesellschaft als solches oder zum Beispiel in einer Organisation. Auch hier hat man eine Vorstellung davon, was «richtig und wichtig» ist.

Eine sehr theoretische Disziplin, wie mir scheint.

Vor Entscheidungen konsultieren wir – bewusst oder unbewusst – unsere Werte und Normen, das sind anerkannte Regeln für das gesellschaftliche Zusammenleben, um die für uns richtige Wahl zu treffen. Wenn sich dann bei schwerwiegenden Entscheidungen gewisse Werte und Normen widersprechen, gilt es zu reflektieren und herauszufinden, welcher dieser Werte mehr gewichtet werden soll oder muss – oder wie wir sie doch kombinieren können. Von daher kennen wir «Ethik» ganz konkret aus unserem Alltag.

Reflektieren hat immer auch etwas Rückwärtsgerichtetes. Im Nachhinein ist man ja immer schlauer.

Ich würde sagen, wir handeln meist intuitiv und nicht unbedingt bewusst und reflektiert. Und das ist auch richtig – oft klappt es gut. Abgesehen davon hätten wir wohl auch nicht die Kraft, jede einzelne Entscheidung genau zu reflektieren. Wenn es aber um Entscheidungen einer gewissen Tragweite geht, hätte es in vielen Fällen sicherlich Vorteile, sich vorher die Zeit zur Reflexion zu nehmen.

Und da kommen nun Sie als «praktischer Ethiker» ins Spiel?

Ja auch. Zu mir kommen zum Beispiel Spitäler oder Heime, bei denen für anstehende Themen Klärungsbedarf herrscht. Oder man steht vor einer konkreten, schwierigen Entscheidung – da versuche ich dann die ethische Sicht einzubringen und begleite beim Klären von Werten und Optionen. Daraus kann zum Beispiel ein Leitfaden entstehen.

Wo wir gerade bei «schwierigen Themen» sind: Wie haben Sie die Gesellschaft im Corona-Jahr erlebt?

Es ist viel passiert … nach einer Weile. So wie ich das einschätze, haben ältere Menschen und Risikogruppen einen viel bewussteren und reflektierten Umgang mit der Frage, ob man im Fall einer Corona-Erkrankung eine Intensivbehandlung wünscht oder ob man sich mit dem Tod anfreunden kann. Aber auch im Allgemeinen stelle ich fest, dass ein Bewusstwerdungsprozess im Gange ist.

Aber der Tod bleibt ein Tabuthema.

Meiner Einschätzung nach gehen wir heute viel bewusster mit diesem Thema um als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Aber ob wir da sind, wo wir sein könnten, ist eine ganz andere Frage. Wie bei der Gleichstellung. Da haben wir riesige Schritte gemacht, aber gleichzeitig sind wir vom Ziel noch weit entfernt.

Versuchen wir deshalb, mit allen medizinischen Mitteln unser Leben zu verlängern?

Ich glaube, das Thema Tod war für die Menschen schon immer schwierig. Ist ja auch eine Wahnsinnssache, die Vorstellung, ich könnte jetzt tot sein. Das ist, oder wäre, eine so grosse Veränderung für uns – damit tun wir uns einfach schwer.

Mir scheint, noch schwerer tun wir uns, wenn es nicht um uns selbst geht.

Da gibt es ja diesen Satz: «Der Tod ist ein Problem für diejenigen, die zurückbleiben.» Das hat schon eine gewisse Logik. Wer möchte schon jemand Geliebtes verlieren? Die Frage aber ist, ob es uns gelingt, eine Situation wie den bevorstehenden Tod oder eine Erkrankung einer nahestehenden Person nicht nur aus der eigenen Perspektive zu sehen. Also einen Moment lang nicht zu überlegen, wie sich dies auf mein Wohlbefinden auswirkt. Dazu müssen wir uns intensiv, nicht nur oberflächlich, in die möglicherweise fremden Gedanken und Gefühle einer Person einfühlen und uns fragen, wie diese Person selbst ihre Krankheit und allenfalls ihr Sterben sieht. Diese sogenannte Perspektivenübernahme ist eine «grosse Sache», kann aber geübt werden.

Wie stehen Sie zum Tod, Herr Arn? Welche Bedeutung hat «Sterben» für Sie?

Da gab es in meinem Leben, vor fünf oder sechs Jahren, einen Moment, in dem ich realisiert habe: Wenn ich jetzt sterbe, finde ich, hat sich mein Leben gelohnt und ich könnte zufrieden sterben. Vor zehn Jahren hätte ich so noch nicht fühlen können. Das gibt jetzt eine schöne Entlastung. Sterben ist etwas, das passieren darf.

Würde es uns nicht generell durch den Alltag helfen, wenn wir Situationen manchmal auch durch die Augen des Gegenübers betrachten würden?

Gewiss! Nicht nur im Zusammenhang mit sterbenden oder schwerkranken Personen. Je mehr die Fähigkeit zur wirklichen Perspektivenübernahme in einer Gesellschaft verbreitet ist, desto besser geht es ihr.

Aber warum tritt denn nun unser Eigeninteresse in den Vordergrund, wenn jemand Geliebtes zu sterben droht?

Das wäre eine gute Forschungsfrage. Vielleicht verhält es sich so: Wenn man sich mit der Möglichkeit anfreundet, dass zum Beispiel mein Nani sterben könnte, beginnt damit auch schon der Gedanke an den eigenen Tod und dass ich mich damit ebenfalls anfreunden könnte. Vielleicht macht einem das Angst und so lässt man das Thema lieber erst gar nicht aufkommen. Und dann gehe ich eher in den «Kampfmodus» und will, dass mein Nani nicht stirbt.

Also eine Art Abwehrhaltung?

Wenn ich es nicht wahrhaben will und versuche, es zu verhindern, dann geht’s mir selbst möglicherweise kurzfristig besser. Dann muss ich nicht über Themen nachdenken, die vielleicht «schwierig» sind.

Da kam uns das Besuchsverbot in den Alters- und Pflegeheimen insgeheim doch auch «etwas gelegen»?

Das mag vorkommen. Manche Angehörige leiden allerdings selbst auch sehr. Die Vereinsamung durch Besuchsverbote schadet dem Wohlbefinden der älteren Menschen schon sehr stark. Wendet man den Perspektivenwechsel an, zeigt sich schnell, wie – sagen wir mal – unangenehm die Situation ist.

Ist demnach Begleitung in den Tod wichtig?

Rund um den Tod ist die Begleitung von Menschen sehr wichtig. Auch der Angehörigen.

Welchen Ansatz würden Sie als Ethiker als «den richtigen» sehen?

Ich denke, das Wichtigste ist, dass man den Beziehungsfaden aufrecht erhält. Wenn man mit jemandem in Kontakt ist, bei dem sich der Tod ankündigt, weiss man ja häufig auch nicht, was man sagen soll. Was darf ich fragen? Wie viel von meinen eigenen Gefühlen soll ich preisgeben? Ich glaube, es hilft, sich dann auf die Beziehung zu konzentrieren. Dieses feine Gefühl der Verbundenheit, das einfach da ist, sobald wir es zulassen. Bewusst darauf zu achten, hilft gerade bei der Begleitung in besonders anspruchsvollen Lebensmomenten beiden Seiten.

Muss eine Organisation, welche sich dieser Aufgabe verschrieben hat, nach klaren ethischen Prinzipien handeln, um dem Thema gerecht werden zu können?

Ich würde es nicht so stark schematisieren. Das ist sehr kognitiv, sehr denkerisch und philosophisch formuliert. Bei der Begleitung von sterbenden Personen, glaube ich, ist das Emotionale wichtiger als das Kognitive. Diese Verbundenheit scheint mir wichtiger als die Einhaltung von Prinzipien. Solche können aber schon helfen, dass man «keine gröberen Fehler macht». Solange sich eine sterbende Person noch selbst mitteilen kann, sollte unbedingt sie bestimmen, was passiert.

Welchen Beitrag kann die Ethik da leisten?

Die Ethik kann helfen, einen Schritt aus der Situation herauszumachen. Es lohnt sich, sich selbst einmal von aussen zu betrachten, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Wenn man das kann, kann man sich auch besser in eine andere Person hineinversetzen. Insofern kann Ethik einen Beitrag leisten.

Alex Tobisch
Preisgekrönter Journalist, denkt in Bildern, sieht Musik.
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