7. Juli 2022

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«from prison with love» – so umschreibt Roman Buri seine Geschäftsidee, die ihn seit drei Jahren antreibt. Aus Leidenschaft, wohlverstanden, denn davon leben kann der 27-Jährige nicht. «oldpassion ist organisch am Wachsen», erklärt Buri, «ich arbeite Vollzeit, investiere aber mittlerweile praktisch meine gesamte Freizeit in den Aufbau meines Labels.» Die Idee ist simpel. Aus Leder stellt Buri Alltagsgegenstände wie Portemonnaies, Kreditkartenetuis, Gürtel und Schreibzeughalter her – oder besser gesagt: er lässt herstellen und zwar in der Berner Justizvollzugsanstalt Thorberg. «Am Anfang hatte ich schon gemischte Gefühle, hinter geschlossenen Türen mit Gefängnisinsassen im gleichen Raum zu sein», erinnert er sich, «aber mittlerweile blende ich das alles aus, denn es interessiert mich nicht, was mein Gegenüber ausgefressen hat.» Er schaue lieber in die Zukunft und gebe diesen Menschen mit seinen Aufträgen eine Chance, etwas Sinnvolles für später zu machen.

«Bin von Natur aus ein Rebell»

Roman Buri machte schon immer sein eigenes Ding. Mannschaftssportarten wie Fussball interessierten ihn als Jugendlichen nicht. Viel lieber investierte er seine Zeit in den Kampfsport. Er galt als grosses Talent und schaffte sogar den Sprung ins Swiss Olympic Talent Team. Doch irgendwann war die Freude am Kämpfen vorbei und Buri wandte sich anderen Dingen zu – Erfolg hin oder her. «Ich bin von Natur aus ein Rebell», sagt er, «und ging schon früh meinen eigenen Weg.» Sein grosses musikalisches Idol – auch das nicht typisch für seine Generation – ist Johnny Cash. Wann die Liebe zum amerikanischen Countrysänger genau angefangen hat, weiss Buri nicht mehr. «Ich höre ihn schon von klein auf, zum ersten Mal wahrscheinlich mit meinem Grossvater.» Buri kennt Cash in- und auswendig. «Ich höre seine älteren Songs genauso gerne wie die neueren, eher melancholischen Titel und habe auch schon seine Biografie gelesen.» Der Musiker schafft, was sonst niemand schafft: «Johnny Cash kann mich beruhigen.» Buris grösster Wunsch, Cash einmal live zu erleben, wird nicht mehr in Erfüllung gehen, der charismatische Sänger starb 2003 in Nashville, Tennessee. Dafür aber hat er Buri zu seiner Geschäftsidee inspiriert: Ende der 1960er Jahre nahm Cash zwei Live-Alben in Gefängnissen auf – am 13. Januar 1968 im Folsom State Prison und rund ein Jahr später, am 24. Februar 1969, im San Quentin State Prison. Buri sagte sich «Was Johnny Cash kann, kann ich auch» und damit war «oldpassion» geboren.

Sattlerkurs als Geschenk

Das alte Sattlerhandwerk, bei dem Leder von Hand zu Gebrauchsgegenständen verarbeitet wird, hat es dem Berner angetan. «Ich wollte für mich selber ein gut gemachtes Portemonnaie aus strapazierfähigem Leder kaufen», erklärt er den Weg zu seiner Geschäftsidee, «fand in der Schweiz aber nichts Passendes.» Kurzerhand fing er an, selber solche Produkte zu designen und herzustellen. «Es ist gar nicht so einfach, mit Nadel und Faden durch mehrere Lagen Leder zu stechen. Am Anfang taten mir schon nach kurzer Zeit die Finger weh.» Aber Buri machte weiter, gab nicht auf. Als ihm dann seine Mutter auf den Geburtstag einen Sattlerkurs schenkte, war es vollends um ihn geschehen. Seither entwirft der kreative Jungunternehmer laufend neue Produkte, stellt in seiner eigenen Werkstatt ein Musterexemplar her und übergibt dann die Produktion an die Insassen der Strafanstalt Thorberg. Kaufen kann man das Ergebnis entweder im Shop des Tattoo- und Piercingstudios Old Capital in Bern oder im Online-Shop von «oldpassion». Ausserdem besucht der Jungunternehmer mit seinen Nischenprodukten regelmässig Festivals und Messen. «Der Verkauf vor Ort ist einfacher als im Online-Shop», beschreibt Buri seine Erfahrung, «denn meine Philosophie hinter den Produkten lässt sich im persönlichen Gespräch am besten vermitteln.»

Das rückverfolgbare Leder als Ziel

Seine Philosophie ist Buri sehr wichtig. Einerseits will er faire und umweltverträgliche Produktionsbedingungen, andererseits will er Produkte verkaufen, «die ein Leben lang halten». «Unsere Wegwerfgesellschaft finde ich übel», sagt er und ergänzt: «Ich verwende nur Leder, das qualitativ hochstehend ist und ethisch nachvollziehbar produziert wird.» Will heissen: Buris Leder ist vegetabil, also pflanzlich gegerbt und die Gerberei gibt an, von welchem Bauer das Leder stammt. «Am Anfang war es schwierig, Gerbereien zu finden, die meinen hohen Ansprüchen gerecht werden.» Mittlerweile ist er aber fündig geworden. Sein Leder kauft er grösstenteils in der Schweiz, vereinzelt in Frankreich und Italien. Doch Buri will noch mehr. «Mein Ziel ist, dass jedes Leder bis zur einzelnen Kuh zurückverfolgt werden kann», verrät er, «es wäre doch schön, wenn der Kunde weiss, dass das Leder für sein Longwallet vom Rind A kommt und dasjenige für sein Bur(r)itowallet vom Rind B.» Das alles hat natürlich seinen Preis und so sind denn die Produkte von «oldpassion» nicht die günstigsten, aber das wird auch gar nicht angestrebt. «Wenn die Leute erfahren, was dahinter steckt, sind sie gerne bereit, ein bisschen mehr zu bezahlen», verrät Buri, der sich dann am meisten freut, wenn die Leute Freude an seinen Produkten haben. «Es ist schon ein tolles Gefühl, wenn ich meine eigenen Produkte bei anderen im Einsatz sehe.»

Das Wochenende ist gebucht

Aktuell umfasst das «oldpassion»-Sortiment 17 verschiedene Produkte, Lederartikel, Caps und Accessoires. Weil er von Montag bis Freitag einer geregelten Arbeit nachgeht, bleibt Buri für seine Leidenschaft nur am Abend und am Wochenende Zeit. Entsprechend froh ist er, dass er eine verständnisvolle Partnerin an seiner Seite hat, die ihn im Bereich Marketing und Kommunikation tatkräftig unterstützt. «Meine Freundin ist meine beste Kritikerin», sagt er, «sie ist schonungslos ehrlich und ihr Feedback manchmal hart für mich.» Auch wenn ihm neben der Arbeit und seinem Label wenig Zeit für weitere Freizeitaktivitäten bleibt, schätzt er seine Freiheit, etwas gestalten und selber entscheiden zu können. Und irgendwann, so hofft er, kann er von seiner Leidenschaft für das alte Handwerk der Sattlerei leben. Bis dahin ist es zwar noch ein bisschen Weg, aber – um es mit den Worten von Johnny Cash zu sagen: Because you’re mine, I walk the line!

Weiterführender LinkWebseite von Oldpassion
Thomas Hobi
Interessiert sich für Menschen, stellt gerne Fragen, hört aufmerksam zu.
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